Der wohl bekannteste und mit 950 Metern auch höchste Berg der Rhön und Hessens ist die Wasserkuppe.


Ob im Winter zum Rodeln, Ski- und Snowboardfahren (Flutlicht-Lifte im Ski-Zentrum Wasserkuppe und am Zuckerfeld), zum Snowkiten und Langlaufen, oder im Sommer zum Wandern, Sommerrodeln, Shoppen, Fliegen, Modellfliegen, zum Besuch im weltgrößten Segelflugmuseum oder einfach nur wegen der hervorragenden Aussicht und der guten Luft – die Wasserkuppe zieht ganzjährig Besucher aus aller Welt an.
Die Wiege des Segelflugs
Die Wasserkuppe gilt als die Wiege des motorlosen Fluges. Bereits 1905 starteten die ersten Hängegleiter zu Fuß auf der Wasserkuppe. Als erster Rekord wurde 1912 ein Hanggleiter-Flug von 112 Sekunden und 843 m dokumentiert.
Seit 1920 werden auf der Wasserkuppe Flugschüler ausgebildet. Heute bringen die Fliegerschule Wasserkuppe (Segel- und Motorflugausbildung) und die Rhöner Drachen- und Gleitschirmflugschulen Wasserkuppe (Drachen- und Gleitschirmflug und Snowkiting) Flugbegeisterte in die Luft.

Sogar Raketenflüge fanden auf der Wasserkuppe statt – anno 1928!
Heute findet auf der Wasserkuppe Mischflugbetrieb statt. Die Segel- und Motorflieger nutzen den Sonderlandeplatz Wasserkuppe, die Modellflieger verschiedene Hänge wie z.B. den Pelzner-Hang oder den Sporn an der Abtsrodaer Kuppe, die Drachen- und Gleitschirmflieger die Fußstartplätze rund um die Kuppe und auf dem Pferdskopf.
Die erste Segelflugschule der Welt
Arthur Martens richtete hier 1924 die erste Segelflugschule der Welt ein. Bis dahin hatte man das Fliegen ohne Motor durch Zuschauen, Nachbauen und Abstürzen gelernt – ein Verfahren mit hoher Ausfallquote. Schon ein Jahr später gab Martens die Schule an die neu gegründete Rhön-Rossitten-Gesellschaft ab.
Ausgebildet wird auf der Wasserkuppe seitdem, mit den Unterbrechungen, die das 20. Jahrhundert so mit sich brachte. Die heutige Fliegerschule Wasserkuppe führt sich auf diese Gründung zurück und ist damit die älteste noch bestehende Flugschule des Landes: Segelflug vom Schnupperkurs bis zum Kunstflug, dazu Motorflug, Motorsegler und Modellflug.
Einer der höchst gelegenen Flugplätze Deutschlands
Geflogen wird hier oben seit 1911, als die Darmstädter Studenten ihre ersten Versuche unternahmen. Heute ist der Platz ein Sonderlandeplatz mit dem Kürzel EDER: 593 Meter Asphalt, 15 Meter breit, dazu ein Grasstreifen, der die nutzbare Länge auf 743 Meter bringt. Zugelassen sind Segelflugzeuge, Motorsegler, Ultraleichte und Motorflugzeuge bis zwei Tonnen Abfluggewicht. Die Wasserkuppe ist mit 902 Metern einer der höchsten unter den rund 400 deutschen Flugplätzen.
Das Fliegerdenkmal
Seit 1923 steht auf der Wasserkuppe der Bronzeadler von August Gaul. Wer ihn für ein Denkmal für die gefallenen Flieger des Ersten Weltkriegs hält, sollte lesen, was auf der Tafel steht: „Wir toten Flieger blieben Sieger durch uns allein. Volk flieg du wieder und du wirst Sieger durch dich allein.“ Das ist kein Gedenken, sondern die Leugnung der Niederlage von 1918 – und der Adler blickt nicht zufällig nach Westen, Richtung Frankreich. Eine Umwidmung zu einem Denkmal für die Menschen, die ihr Leben der Fliegerei gewidmet haben, ist bis heute nicht gelungen.
Die ganze Geschichte des Denkmals, von den Bauherren über die Einweihung bis zur Debatte danach, steht in unserem Beitrag zur Geschichte des Fliegerdenkmals.
Warum der Berg Wasserkuppe heißt
Der Name hat nichts mit einem See zu tun aber möglicherweise mit dem, was aus dem Berg herauskommt: An seinen Flanken entspringen rund 30 Bäche. Der bekannteste davon heißt Fulda, entspringt auf etwa 850 Metern an der Südseite und schafft es von hier über gut 200 Kilometer bis nach Hann. Münden, wo er sich mit der Werra zur Weser zusammentut. Die Quelle ist gefasst und bequem zu erreichen – man kann dort in Ruhe feststellen, dass der Anfang eines großen Flusses erstaunlich unspektakulär aussieht.
Die Sprachforscher leiten den Namen entsprechend vom althochdeutschen „wazzer“ ab. Es gibt auch eine zweite Deutung, die eher auf ein altes Wiesenwort hinausläuft – da sind sich die Experten nicht ganz einig. Die Version mit dem Wasser ist ohnehin die schönere, und dreißig Bäche sprechen für sie.
Basalt oben, Trias unten
Wie fast alle Rhönberge ist die Wasserkuppe ein Kind des Vulkanismus. Oben sitzt eine Kappe aus Basalt und basaltischem Tuff, entstanden in einer späten Phase des Tertiärs; darunter liegen die viel älteren Sedimentschichten der Trias. Der harte Basalt hat die weicheren Schichten unter sich vor der Abtragung geschützt – deshalb ragt die Kuppe heute heraus, während ringsum abgetragen wurde. Berge dieser Art nennt man Reliefumkehr, was zugegebenermaßen nach Verwaltungsvorgang klingt.
Dass oben kein Wald steht, ist dagegen kein Werk der Natur, sondern unseres: Jahrhundertelanges Holzschlagen und Beweiden haben aus der Rhön das „Land der offenen Fernen“ gemacht. Für die Segelflieger war das drei-, vierhundert Jahre später ein Glücksfall – ohne die kahlen Hänge hätte 1920 niemand hier oben einen Wettbewerb ausgerichtet.

Der kühlste Ort Hessens
Wenn im Sommer unten die Luft steht, meldet die Wasserkuppe regelmäßig den niedrigsten Wert Hessens. 950 Meter, fast immer Wind – an einem 35-Grad-Tag im Tal ist das ein ausgesprochen überzeugendes Argument für eine Bergfahrt oder -wanderung. Dass ausgerechnet hier oben eine Station des Deutschen Wetterdienstes steht, ist kein Zufall.
Dazu kommt etwas, das man einem 950-Meter-Berg nicht ohne Weiteres zutraut: Er ist bequem. Mit dem Auto kommt man bis kurz unter den Gipfel, auch der ÖPNV bindet den Berg an. Und weil die Wege oben breit und über weite Strecken flach angelegt sind, ist ein Gipfelrundgang auch für Senioren oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität machbar – eine Seltenheit unter den Rhönbergen, die ihre Aussicht sonst gern mit steilen Pfaden verteidigen.
Sternenpark Rhön
Seit 2014 ist die Rhön als International Dark Sky Reserve anerkannt – ein Sternenpark von 1.720 Quadratkilometern über Hessen, Bayern und Thüringen hinweg. Was hier oben fehlt, ist das, wovon anderswo im Überfluss vorhanden ist: künstliches Licht. Wer aus der Stadt kommt und zum ersten Mal die Milchstraße von Horizont zu Horizont stehen sieht, braucht meistens einen Moment.
Bei Astrofotografen ist die Wasserkuppe entsprechend beliebt. Höhe, freier Rundumblick und die markanten Silhouetten von Radom und Fliegerdenkmal ergeben Vordergrundmotive, die man anderswo nicht bekommt – Sternspuren über der Radarkuppel oder auch Polarlichter am nördlichen Horizont sind längst ein Klassiker.
Rodeln, Bratwurst und Wetterdienst
Als besondere Attraktion nicht nur für Kinder bietet die Wasserkuppe eine Doppel-Sommerrodelbahn (je ca. 700m), eine Rhönbob-Bahn (ca. 1000m) und weitere Fahrgeschäfte, mit denen man Kinder und Enkel locker einen halben oder ganzen Tag lang beschäftigen kann.
Die Wasserkuppe eignet sich zu jeder Jahreszeit als Ausflugsziel für die ganze Familie.
Mit die besten Bratwürste der Rhön bekommt man bei Lottis Futterkiste, direkt am Tower – nicht nur für Rhöner Lausbuben-Fans ein Muss!
Neben etlichen Souvenir-Geschäften findet sich hier auch der Rhöner Bauernladen und die Wasserschnuppe. Dieses Geschäft von Mechthild Vörding ist weit über die Rhön hinaus für Neuheiten, ausgefallene Objekte und faszinierende Spiele bekannt und beliebt.
Auch das Rhön Info Zentrum, die Bergwacht und der Deutsche Wetterdienst sind auf der Wasserkuppe vertreten.

Übernachten auf dem Berg
Wer abends nicht wieder hinunterfahren will, bleibt oben: Zum Ferienresort Wasserkuppe gehören das Hotel-Restaurant Peterchens Mondfahrt, das Berghotel Deutscher Flieger und das Feriendorf Wasserkuppe. Vom Hotelzimmer bis zum Ferienhaus, auf Wunsch mit Privatsauna und eigenem Außenwhirlpool oder Sternenpark-Dachfenster ist damit alles abgedeckt.
Der berühmteste Hausgast ist unbestritten Neil Armstrong. Am 9. August 1970, gut ein Jahr nach der Mondlandung, übernachtete er in Peterchens Mondfahrt – gekommen war er nicht als Astronaut, sondern als begeisterter Segelflieger. Ins Gästebuch schrieb er die besten Wünsche eines „fellow soaring enthusiast“. Dass der erste Mensch auf dem Mond ausgerechnet in einem Haus namens Peterchens Mondfahrt eincheckt, muss sich niemand ausdenken.
Allein geblieben ist er nicht: Wernher von Braun war 1975 hier, der Astronaut Ulf Merbold 2009, dazu über die Jahrzehnte ein guter Teil der Fliegerprominenz. Und 1950 wurde im Haus der Deutsche Aero Club gegründet.
Das Radom
Auf dem Gipfel der Wasserkuppe steht ein Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges: Das Radom. Radom ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „Radar“ und „Domicil“. Diese Radarkuppel ist die letzte von ehemals vier Kuppeln. Der militärische Standort Wasserkuppe existiert nicht mehr, das Radargerät abgebaut.
Geblieben sind das Sockel-Gebäude und die Hülle, die als Landmarke und Aussichtsplattform erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Dies geht auf das Engagement der Radom Flug gGmbH zurück, die sich die Erhaltung und die zivile Folgenutzung des Radoms zur Aufgabe gemacht hat. Heute ist das Radom auch Event-Location, Hessens höchstes Standesamt und Vereinsheim der Rhöner Drachen- und Gleitschirmflieger.
Die Ausläufer der Wasserkuppe, die Abtsrodaer Kuppe, der Schafstein, der Pferdskopf und die Eube sind jeder für sich eine Attraktion und lassen sich auf einem gemütlichen Rundgang um die eigentliche Kuppe bequem zu Fuß erreichen ;). Kurz unterhalb des Segelflugplatzes kann man sich an der Fulda-Quelle mit vorzüglichem Quellwasser erfrischen. Von Abtsroda herauf führt ein geologischer Lehrpfad, der bei kreativer Wegewahl an einem Bierbrunnen vorbeiführen kann.


















